Know How 05: Relative Strength Index (RSI) – Der Momentumoszillator mit Vorlaufqualitäten

RSI (Relative Strength Index) – der Momentumindikator schlechthin

Im vorliegenden Beitrag dreht sich um das Thema Momentum, also die Schwungkraft, die bei einem Kursverlauf gemessen und für Handelsentscheidungen zurate gezogen werden kann. Einer der ältesten und bekanntesten Oszillatoren überhaupt, der RSI (Relative Strength Index), ist der Klassiker unter den Momentum-Oszillatoren. Wie dieser berechnet wird, welche Signale er liefert und man ihn in der Trading-Praxis einsetzen kann, erfahren Sie hier.

Was ist Momentum?

Vor dem Einstieg in die Details zunächst ein kurzer Überblick zum Thema Momentum. Das Momentum beschreibt die Beschleunigung und Verlangsamung von (Kurs-)bewegungen. Am einfachsten lässt sich dieses Phänomen mit einem banalen Experiment aus dem Physikunterricht beschreiben:

Man werfe einen Apfel in die Höhe und beobachte dessen Geschwindigkeit im Zeitablauf

  • zunächst nimmt die Geschwindigkeit zu
  • anschließend – der Apfel steigt noch immer – nimmt die Geschwindigkeit ab, bis sie…
  • den Wert Null erreicht (auf dem Höhepunkt der Flugbahn)
  • anschließend beginnt das Spiel von vorne, nur in umgekehrter Richtung

Genau dieses Verhalten lässt sich auch auf des Kursverhalten am Finanzmarkt übertragen.

In laufenden Trendbewegungen macht das Momentum auf diese Weise Schwächen sichtbar, die auf mögliche Wendepunkte hinweisen. Eine wichtige Eigenschaft des Momentums ist also dessen Vorlaufcharakter. Es erreicht seinen Extremwert oft, noch bevor der Kurs des Basiswertes einen Extremwert erreicht hat.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie man denn das Momentum eines Kursverlaufs messen kann. Ganz einfach:

Man vergleicht hierbei laufend den aktuellen Kurs mit dem Kurs vor X Perioden. Das 10-Tage-Momentum einer Aktie wird demnach durch Subtraktion des Schlusskurses vor zehn Tagen vom aktuellen Schlusskurs berechnet. Diese einfache Momentum-Berechnung weist jedoch zwei grundlegende Schwächen auf:

  • Starke Veränderungen bei dem analysierten Basiswert können bei der Berechnung zu irreführenden Bewegungen führen (selbst dann, wenn sich der aktuelle Kurs nur geringfügig verändert hat)
  • Desweiteren lassen sich verschiedene Basiswerte (z.B. bei einem Screening) aufgrund einer nicht konstanten Bandbreite nicht miteinander vergleichen

Um beide Schwächen zu eliminieren bedurfte es eines besseren Indikators.

Wie wird der RSI berechnet?

Und hier kommt der RSI (Relative Strength Index) ins Spiel. Er wurde im Jahr 1978 von Welles Wilder eingeführt und gehört in die Gruppe der Oszillatoren.

Die Berechnung erfolgt mittels folgender Formel:

RSI = 100 – ((100/(1+RS))

RS = (Durchschnitt der Schlusskurse von n Tagen mit steigenden Kursen/Durchschnitt der Schlusskurse von n Tagen mit fallenden Kursen)

Die Kalkulation des RSI macht deutlich, dass hierbei die Stärke der Aufwärts- im Vergleich zu den Abwärtstagen einer bestimmten Periodenlänge und gibt die Ergebnisse in einer Skala von 0 bis 100 wieder. Als Standardeinstellungen werden Periodenlängen von 14 verwendet, abweichende Werte sind je nach Trading-Stil und gewähltem Zeithorizont selbstverständlich möglich. Ich persönlich setze gerne den 8er RSI ein. Grundsätzlich gilt: Je kürzer die Periodeneinstellung, desto volatiler der RSI.

Welche Signale liefert der RSI?

Die Interpretation des RSI nach Wilder lautet wie folgt:

  • RSI> 70 signalisiert einen überkauften Zustand des Basiswerts
  • RSI< 30 signalisiert einen überverkauften Zustand des Basiswerts

Wichtig ist, dass ein Eintauchen in eine dieser beiden Zonen nicht automatisch zum Long- bzw. Short-Einstieg genutzt werden sollte! Wie wir alle wissen, kann ein Trend viel weiter laufen, als man sich zunächst vorstellen kann. Der RSI kann dann über einen längeren Zeitraum hinweg ober- bzw. unterhalb einer Extremzone verharren, ohne dass es beim Basiswert zu einer Umkehr kommt. Genau aus diesem Grund ist eine Kombination eines Trendfolgers (z.B. SMA oder MACD) mit einem Oszillator immer zu empfehlen.

Kurzum: Eine extreme RSI-Notierung ist ein erstes Warnsignal für einen potenziellen Trendwechsel, kein Signal an sich.

Die einfachste Handelsmöglichkeit, die diesen Umstand berücksichtigt, lautet daher:

  • Long: bei einem Fall des RSI unter die 30 und anschließendem Wiederanstieg über diese Extremzone
  • Short: bei einem Anstieg des RSI über die 70 und anschließendem Fall unter diese Extremzone

Die nebenstehende Grafik, die den DAX als Tages samt eines 8-Perioden-RSI darstellt, zeigt die Überkauftsignale (rot) und Überverkauftsignale des RSI.

dax_rsi

In größeren Zeitebenen – zum Beispiel bei Wochencharts – eignet sich der RSI wunderbar zur Erkennung von Dips/Pullbacks, die in Aufwärtstrends gute (Wieder)einstiegsgelegenheiten bieten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die 40er Marke im RSI bereits ausreicht, um Korrekturen zu identifizieren.

Die Visa-Aktie liefert hierfür ein sehr gutes Beispiel:

visa_rsi

Divergenzanalyse – mächtiges Tool zur frühzeitigen Erkennung einer Trendwende/Gegenbewegung

Neben der vorgestellten 70/30-Handelsregel liefert der RSI aber noch eine weitere Einsatzmöglichkeit – das Stichwort hierzu lautet „Divergenzanalyse“.

Hierbei wird der Verlauf des Basiswerts mit dem Verlauf des Indikators verglichen. Beide sollten sich im Regelfall im Kursverlauf bestätigen. Liegt eine Abweichung vor, ist Vorsicht angesagt. Eine positive Divergenz beim RSI ergibt sich dann, wenn der Kurs des Basiswerts neue Tiefpunkte generiert, während der RSI diese nicht mehr bestätigt. Umgekehrt handelt es sich um eine negative Divergenz, wenn neue Hochpunkte beim Basiswert nicht mehr von einem steigenden RSI bestätigt werden.

Blicken wir nochmal auf den eingangs gezeigten DAX-Chart, dieses Mal aber nur auf die Divergenzen.

dax_know how_divergenzen rsi

Fairerweise muss man zugestehen, dass das Erkennen der Divergenzen in der Praxis nicht immer so einfach ist, wie es im Nachhinein erscheint – aber das gilt für Trendlinien und Kursmuster ohnehin. So weiß man in Echtzeit nie genau, wie lange es dauert, bis die Divergenz im Indikator sich im Basiswert „entlädt“. Aus diesem Grund ist eine Kombination des RSI mit anderen Techniken sinnvoll, die Qualität der Ein- und Ausstiegssignale zu erhöhen, z.B.

  • die Suche nach Unterstützungs-/Widerstandsniveaus, bei denen RSI-Extremwerte erreicht werden oder Divergenzen
  • das Abwarten von Bestätigungen (Bruch des Vortageshochs oder -tiefs) vor einem Einstieg
  • die Filterung der Signale mit einem vorgeschalteten Trendfilter (d.h. Long-Signale des RSI nur in Uptrends, Short-Signale nur in Downtrends berücksichtigen)

Darüber hinaus hat ein gutes Risiko- und Money-Management, das Verluste im Falle von Fehlsignalen minimiert, ohnehin oberste Priorität.

Ein unverzichtbares Tool für mich

Der RSI ist ein Klassiker unter den Oszillatoren und zeigt an, ob ein Basiswert überverkauft oder überkauft ist. Der Einsatz der Divergenzanalyse, die sowohl im Kurzfrist- als auch Langfristchart funktioniert, ist aus meiner Sicht sogar noch eine bessere Einsatzmöglichkeit des RSI. Sie bietet nämlich – im Gegensatz zu den Trendfolgeindikatoren, die erst verspätet Signale liefern – relativ früh Signale für potenzielle Trendwenden.

Der altbewährte RSI gilt damit zu Recht als guter Allrounder, den ich in meinen Charts nicht missen möchte.

 

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Posted on: 21. November 2015, by : David Pieper