Interview mit einem Floortrader an der NYSE

17.4.2016 / 16.00 Uhr

Das folgende Interview mit Floor-Trader Kenneth Polcari habe ich im Sommer 2012 direkt auf dem Parkett der New York Stock Exchange geführt. Er spricht darin über den Flash Crash, seinen Tagesablauf, die Rolle des Hochfrequenzhandels und natürlich wie er überhaupt zur Börse gekommen ist. Für alle Blog-Leser gibt es hier die ungekürzte Fassung zum Nachlesen.

Es ist ein schwüler Dienstagmorgen in New York City, in einer halben  Stunde  beginnt  der  Handel  an  der  NYSE.  Facebooks
holpriger Börsengang dominiert die Schlagzeilen – ein perfekter Tag, um mit einem sichtlich gut gelaunten und dynamischen
Händler  von  ICAP  Equities,  dem  51jährigen  Kenneth  Polcari, über „den aufregendsten Ort und Job der Welt“ zu sprechen.

Hier ein Bild, das ihn an seinem Arbeitsplatz zeigt:

David Pieper und Kenneth Polcari an der NYSE

Wie sind Sie zum Börsengeschäft gekommen?

Polcari: Ich war 19 Jahre alt und besuchte das College. Mein damaliger Zimmergenosse kam aus New York und lud mich
über Weihnachten zu einer Feier nach Manhattan ein. Sein Vater arbeitete an der Wall Street. Während der Party kam
ich mit verschiedenen Leuten ins Gespräch und irgendwann wurde ich gefragt, ob ich denn nicht Lust hätte, zur New York
Stock  Exchange  zu  kommen.  Ich  hatte  keinen  Schimmer, was die NYSE überhaupt war. Ich dachte mir, ich könnte mir
das Ganze ja mal anschauen und ging im Sommer 1980 für drei Wochen nach New York. Danach war mir klar, dass die
Börse der aufregendste Ort der Welt war. Man muss sich das einmal vorstellen: 5500 Leute standen hier auf dem Parkett!
Man spürte eine extreme Aufregung, als der Handel eröffnet wurde – und das nonstop für sechseinhalb Stunden. Es war,
als würde dir jemand eine Pistole an den Kopf halten – im positiven Sinne.

Während  Polcari  ausführlich  über  seine  Rückkehr  an  die Börse im Sommer 1982 und die damalige Wirtschaftslage erzählt,
kommt eine Kundenorder herein. Er zeigt mir, wie er den Auftrag ausführt: Auf einem Pad sieht er das Orderbuch für die betreffende
Aktie. Per Drag-and-Drop zieht er dort einen Teil der gesamten Stückzahl herein und sieht sofort die Ausführung auf dem Schirm
– ebenso wie sein Kunde, der tausende Kilometer entfernt sitzt. Wenige Augenblicke später erneut ein Zukauf. Anschließend legt
Polcari noch eine Kauforder hinein, löscht diese aber zügig wieder – eine schöne Taktik, um Algo-Trader zu verwirren, sagt er. Wie ein
Blitz fährt er mit dem Interview fort und erklärt, wie der Bullenmarkt der 1980er und 1990er seinen Anfang nahm.

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Polcari:  Ich  stehe  um  vier  Uhr  morgens  auf  und  sitze  um fünf Uhr in der Bahn. Eine Stunde später bin ich dann in der
City. Während der Zugfahrt lese ich alle wichtigen Zeitungen wie das Wall Street Journal, die Financial Times und die New
York Times. Außerdem checke ich meinen Twitter Account und schaue mir die Nachrichten meiner europäischen Kolle-
gen auf Bloomberg an, um ein Bild von den Übernacht-Entwicklungen zu bekommen. Im Büro angekommen, beginne
ich  mit  der  Erstellung  meiner  Market  Note  –  das  ist  mein Newsletter.  Um  07:15  Uhr  schicke  ich  ihn  raus  und  gehe
anschließend  ins  Fitness-Studio.  Vor  dem  eigentlichen Marktbeginn fange ich an, meine Ordersysteme zu starten
und mit meinen institutionellen Kunden zu sprechen.

Wie ist der Ablauf bei der Orderausführung?

Polcari:  Zu  meinen  Kunden  zählen  in  erster  Linie  Investmentfonds, Vermögensverwalter, Hege Fonds und Pensions-
kassen. Sie sind alle elektronisch mit meinem Ordersystem verbunden, sodass all ihre Kauf- und Verkaufsaufträge direkt
bei mir auf dem Schirm aufblinken. Sobald der Markt öffnet, beginne ich mit der Ausführung der Orders, die je nach Aktie
und  Kunde  sehr  unterschiedlicher  Natur  sein  können:  Ein Kunde möchte vielleicht eine Aktie nach der Markteröffnung
zügig verkaufen, weil er mit einem kurzen Sprung aufgrund guter News rechnet und diesen ausnutzen möchte, ein ande-
rer wiederum gibt mir den Auftrag, eine bestehende Position Stück für Stück im Tagesverlauf zu erhöhen, und so weiter.

Das nachfolgende Bild zeigt verschiedene Aktienticker, die in der Eingangshalle der Börse ausgestellt werden. Im Jahr 1867 installierte Eward A. Calahan den ersten Aktienticker an der New Yorker Börse. Dieser druckte die manuell eingegebenen Kurs- und Volumendaten für jede Aktie auf das „Tape“.

ticker nyse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie lässt sich aus Ihrer Sicht der kontinuierliche Volumenrückgang an der NYSE in den letzten Jahren erklären?

Polcari: Da habe ich eine ganz persönliche Sicht der Dinge. Ich  denke,  es  gibt  mehrere  Gründe  für  den  Rückgang  des
Handelsvolumens. Die letzten Jahre haben zahlreiche strukturelle Veränderungen mit sich gebracht, sodass die Börsen-
landschaft  hierzulande  stark  fragmentiert  ist.  Die  NYSE ist also nicht mehr der primäre Handelsplatz, der automatisch
den Großteil des Handelsvolumens auf sich zieht. Aktuell gibt es zehn börsennotierte Börsen und mehr als 50 Dark Pools –
das sind unregulierte Liquiditätspools, die von den großen Häusern betrieben werden. Zudem wurden viele Leute wäh-
rend der Finanzkrise stark getroffen. Ich bin 51 Jahre alt, also habe ich noch zehn bis fünfzehn Jahre Arbeit vor mir, aber
es gab viele Leute, die damals 60 waren, als die Krise ihren Lauf nahm. Sie haben dadurch ihr Vertrauen in die Märkte
verloren.  Das  Problem  ist,  dass  deren  Kinder  hautnah  miterlebt haben, was passiert ist. Deshalb gehe ich davon aus,
dass ein großer Teil dieser Generation dem Markt sehr skeptisch gegenübersteht und dass es sehr lange dauern wird,
bis dieses verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden kann. Statt Aktien zu kaufen fliehen die Leute zum
Beispiel  in  Gold  –  wie  die  Europäer  auch.  Die  Fragmentierung der Börsenlandschaft und die Umstellung der Kurse auf
das Dezimalsystem haben sehr viel zur Automatisierung beigetragen und die Handelsgeschwindigkeit erhöht. Auch das
trägt dazu bei, dass die Anleger schlichtweg Angst haben, weil sie als Nicht-Profi einen immer schlechteren Überblick
über  die  Marktprozesse  haben.  Auch  die  Produkte,  die  in den  letzten  zehn  Jahren  geschaffen  wurden,  zum  Beispiel
ETFs, tragen aus meiner Sicht zu dem Volumenrückgang bei, weil der Anleger mit einem Mausklick ein ganzes Portfolio
kaufen kann anstatt wie früher einzelne Aktien erwerben zu müssen.

Sicherlich sorgt auch das Thema High Frequency Trading für Misstrauen beim Otto-Normal-Anleger. Wie sehen Sie das?

Polcari: Genau  das  ist  der  Punkt.  Wenn  du  ein  Privatanleger bist, musst du das Rauschen eliminieren und darfst dem
ganzen  Mist  keine  Aufmerksamkeit  schenken.  Und  das  ist alles andere als leicht in der heutigen Zeit, wo jeder Linke-
dIn, Twitter und Facebook hat und ständig mit Nachrichten und  Empfehlungen  bombardiert  wird:  Kaufe  diese  Aktie,
verkaufe  jene  Aktie  und  so  weiter!  Die  Technik  macht  es möglich, dass jeder von Zuhause aus handeln kann und so
kommt es, dass dem Anleger der Fokus für den langfristigen Vermögenszuwachs  abhanden  gekommen  ist.  Und  das  ist
keine gute Entwicklung. Jeder meint heutzutage, er sei ein Trader, aber wenn ich Zahnschmerzen habe, dann gehe ich
auch nicht ins Internet um herauszufinden, wie ich meinen Zahn ziehen kann, sondern suche einen Zahnarzt auf! Der
Privatanleger sollte sich also einen guten Anlageplan ausarbeiten und das ganze Rauschen um ihn herum ignorieren.
Das  geht  nur,  wenn  man  sich  auch  aus  all  diesen  sozialen Netzwerk-Plattformen heraushält.

Thema Flash Crash: Wie haben Sie diesen Tag hier am Parkett erlebt?

Polcari: An diesem Tag stand ich wie immer hier. Ich habe auf meinen Schirm geschaut und gesehen, wie der Markt von
Sekunde  zu  Sekunde  um  zig  Punkte  nach  unten  rauschte, obwohl es keine News gab. Ich blickte hinüber zu meinem
Partner und fragte: „Was geht denn hier ab?“ Man fragt sich in  solchen  Momenten,  was  los  ist  und  telefoniert  herum.
Wurde  der  Präsident  erschossen?  Gab  es  einen  Terroranschlag an der Wall Street? Im Endeffekt war es aber einfach
ein Fehler von irgendeinem Händler.

Es war also der berühmte „Fat Finger“?

Polcari: Ja, es war definitiv ein Fat Finger! Der Typ, der den Send-Button  bei  den  E-Mini-Futures  gedrückt  hat,  hat  das
Ganze  ins  Rollen  gebracht.  Sobald  du  auf  „senden“  gehst, kannst du nichts mehr machen, die Order ist raus. Die Anzahl
der  Futures,  die  er  verkauft  hatte,  führte  zu  massiven  Verkäufen  bei  den  Einzelwerten,  die  dann  bei  den  elektroni-
schen Systemen ankamen. An der NYSE haben wir für solche Fälle ein Regelwerk, das bei bestimmten Kursbewegungen
Handelsunterbrechungen  vorsieht.  Wir  hatten  also  unseren Circuit Breaker. Als der Handel mit Aktien wie JNJ oder
Colgate bei uns also unterbrochen wurde, konnten die elektronischen Handelsplätze keine Bids mehr sehen. Die Konse-
quenz war, dass die elektronischen Börsen die Bids gelöscht haben; gleichzeitig kamen aber weiterhin Verkäufe rein. So
konnte es dazu kommen, dass Aktien mit einem regulären Aktienkurs von 40 Dollar auf einmal nur noch wenige Cent
wert waren! Bei uns an der NYSE kann so etwas nicht passieren, wir haben den Handel vorher abgebrochen. Und jetzt
raten Sie mal, was all die anderen Börsen, die sich noch vor wenigen Jahren vehement gegen jeglichen Eingriff ins elekt-
ronische System gewehrt hatten, danach eingeführt haben? Genau, unser Regelwerk, das gute alte Regelwerk der New
York Stock Exchange!

Wie wird der Handel in 20 Jahren aussehen?

Polcari: Oh mein Gott! Da bin ich doch schon tot! Nein, im Ernst,  ich  denke  viel  elektronischer  und  automatisierter
kann es gar nicht mehr werden, weil es schon zum größten  Teil  automatisiert  ist.  Es  wird  allerdings  immer  lauter
darüber  nachgedacht  –  auch  in  Washington  –,  ob  diese Vollautomatisierung  wirklich  nur  Vorteile  mit  sich  bringt.
Selbstverständlich  hat  die  Technik  den  Handel  sehr  viel effizienter gemacht, zum Beispiel beim Clearing und Sett –
lement,  was  positiv  ist.  Aber,  wenn  man  etwas  weniger liquide Aktien handeln will, ist der Einsatz eines computer-
gesteuerten Systems vielleicht nicht die klügste Entscheidung. Ich denke also, dass der menschliche Faktor wieder
etwas  mehr  Gewicht  beim  Handel  bekommen  wird.  Wie das alles in 20 Jahren aussieht, kann ich aber beim besten
Willen nicht voraussagen. Die Welt ändert sich ja fast schon auf Wochenbasis!

Eine längere Diskussion über die (zum Zeitpunkt des Interviews um sieben Prozent fallende) Facebook-Aktie beginnt und
Polcari  sagt  klipp  und  klar,  was  er  von  Social  Networks  hält und  welche  Gefahren  er  für  die  Internet-Generation  sieht. In
der Zwischenzeit zeigt er uns, dass seine Kauforder unter dem gewünschten Kurs abschließen konnte, sodass der Kunde zufrie-
den  sein  dürfte.  30  Jahre  Erfahrung  sind  eben  nicht  so  leicht durch einen PC zu ersetzen. Ein sehr interessantes Interview mit
einem sehr sympathischen und humorvollen Floor Trader geht zu  Ende  und  wir  verabschieden  uns.

Wie wir seit ein paar Tagen wissen, wird die NYSE ihren Parkethandel zum Jahresende 2016 einstellen (hier lesen).

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Posted on: 17. April 2016, by : David Pieper

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