Behavioral Finance – Warum wir immer wieder in die Falle tappen (Teil 6/6)

30.4.2017

Hinterher ist jeder klüger!

Nachdem die wichtigsten „Rationalitätsfallen“ dargestellt wurden, stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in der Praxis. Gerade an der Börse zeigt sich nämlich, dass klassische Fehler immer wieder aufs Neue begangen werden. Aber auch im Alltag ist der sogenannte Rückschaueffekt zu beobachten. Fragt man heute beispielsweise einen Investor, Analyst oder Wissenschaftler, ob er den Dotcom-Crash oder die Finanzkrise vorausgesehen hat, dürfte die Antwort sehr häufig mit einem Kopfnicken bejaht werden – auch wenn die damalige Einschätzung komplett danebenlag. Woran liegt das? Hand aufs Herz: Keiner gibt gerne zu, wenn er falsch lag.

Die Gefahr dieser Neigung liegt vor allem in der Überschätzung (Overconfidence). Denn wer glaubt, er habe in der Vergangenheit vieles richtig prognostiziert, wird dies fälschlicherweise auch von der Zukunft annehmen. Ein Lerneffekt kann sich folglich nicht einstellen. Professionelle Trader und vor allem diejenigen, die es werden wollen, kommen daher nicht um ein Trading-Tagebuch herum (Schritt 8 des Trading-Plans). Erst mit dem Führen eines Journals, das alle Parameter der Trades enthält und damit die Basis für eine umfassende Fehleranalyse darstellt, lässt sich die Performance so richtig erhöhen.

Tipps für Anleger und Trader

Behavioral Finance zeigt, dass das Verhalten der Marktteilnehmer alles andere als vollständig rational ist. Emotionen und Erfahrungen spielen eine große Rolle. Die Rationalitätsfallen – z.B. das Anwenden von Heuristiken, das relative Bewerten und das Streben nach Dissonanzfreiheit – stehen im klaren Gegensatz zur Theorie des „homo oeconomicus“ und machen klar, dass erst die Zusammenführung von Finanz- und Sozialwissenschaft zu einem besseren Verständnis über die Finanzmärkte beiträgt.

Der einzelne Anleger/Trader kann von den Erkenntnissen ebenfalls profitieren, denn wer typische Verhaltensfehler bei sich selbst erkennt, kann seine eigenen Entscheidungen verbessern. Gleichzeitig kann man die durch das Fehlverhalten anderer entstehenden Ineffizienzen nutzen. Per saldo gilt: Je neutraler und rationaler eine Entscheidung getroffen wird, desto besser – auch wenn wir uns der Tatsache hingeben müssen, dass wir auch in Finanzfragen wohl niemals vollständig rational handeln werden.

Die nachfolgenden Tipps sollen Anlegern und Tradern helfen, ihre Performance nachhaltig zu verbessern:

  • Konzentrieren Sie sich auf die wesentlichen Informationen und analysieren Sie diese sehr genau.
  • Nachrichten, die schnell und einfach greifbar erscheinen, sind auch für andere leicht verfügbar. Die Gefahr, dass diese bereits in die Kurse eingeflossen sind, ist daher hoch.
  • Wenn Sie eine Meinung zu einem bestimmten Markt oder Wertpapier haben, versuchen Sie Menschen zu finden, die eine konträre Sicht haben. Marktteilnehmer, die ihren Analysen zustimmen, haben häufig die gleiche Position wie Sie selbst und sind daher alles andere als neutral.
  • Lassen Sie sich nicht von „Stimmungsmache“ ablenken, sondern treffen Sie Ihre eigene Entscheidung.
  • Sorgen Sie für eine ausreichende Diversifikation Ihrer Anlagen.
  • Gehen Sie diszipliniert vor. Setzen Sie sich bereits vor der Transaktion Kauf- und Verkaufsziele. Eine gute Trade-Planung leistet hierbei wertvolle Dienste.
  • Behalten Sie das große Bild im Auge (Signal), anstatt auf jede gerade verfügbare Neuigkeit (Noise) zu reagieren.
  • Vermeiden Sie Entscheidungen, die von Panik oder Euphorie getragen werden.
  • Erkennen Sie eigene Fehler (Tradingjournal) und sehen Sie diese als Chance an, daraus zu lernen.

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Posted on: 30. April 2017, by : David Pieper

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