Behavioral Finance – Warum wir immer wieder in die Falle tappen (Teil 5/6)

23.4.2017

Renditekiller Nummer Eins: Der Dispositionseffekt

Neben den aufgeführten Heuristiken spielt die Tatsache, dass Menschen stets relativ bewerten, eine große Rolle innerhalb der Behavioral Finance und erklärt damit zahlreiche Verhaltensanomalien.

Beispiel:

Studien belegen, dass die meisten Menschen lieber in einer Umwelt leben würden, in der sie 100 000 Euro besäßen und der Durchschnitt der Bevölkerung nur 50 000 Euro, als in einer Umwelt, in der sie 200 000 Euro, alle anderen aber noch mehr – nämlich 300 000 Euro hätten.

Die relative Wahrnehmung und Bewertung hinterlässt auch beim Investorenverhalten deutliche Spuren. Jeder Anleger hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass er Aktien, die über die Jahre hohe Kursgewinne verzeichnet haben, zu früh verkauft hat und diejenigen, die von Tief zu Tief dümpeln, noch immer besitzt. Selbst erfahrene Investoren laufen immer wieder in die gleiche Falle. Woran liegt das?

Warum verkaufen wir Gewinner zu früh, Verlierer meist zu später (oder nie)?

Die Wissenschaft erklärt dieses Verhalten wie folgt: Für den Anleger fungiert der Einstiegskurs als Bezugspunkt und definiert damit die Gewinn- und Verlustzone. Fällt der Kurs unter den Einstandswert, fällt der Verkauf des Wertpapiers deshalb so schwer, weil Gewinne und Verluste nicht gleich stark empfunden werden.

Verluste wiegen schwerer als Gewinne. So ärgern wir uns über einen Verlust von X Euro mehr als wir uns über einen Gewinn von X Euro freuen. Anfängliche Kursgewinne sorgen für Freude beim Anleger, die Intensität des positiven Gefühls nimmt jedoch mit dem weiteren Anstieg der Buchgewinne nur noch unterproportional zu. Bei zwischenzeitlichen Rückschlägen steigt daher die Tendenz deutlich an, den Gewinn mitzunehmen – meist zu früh.

Im Verlustbereich zeigt die abnehmende Sensitivität zunächst die gleiche Wirkung: Der Ärger über den ersten Euro Verlust ist am höchsten und nimmt dann immer mehr ab. Dies hat fatale Folgen, denn mit jedem weiteren Abgleiten in die Verlustzone gewinnt der Faktor Hoffnung an Bedeutung – meist mit negativem Ausgang. In der Praxis zeigt sich das in vielen Depots: Dort sind Aktien zu finden, die Kursverluste von über 80% und mehr ausweisen.

Die obige Grafik zeigt auf, wie der Mensch Wertveränderungen wahrnimmt. Der Bezugspunkt in der Mitte repräsentiert den Einstandskurs. Rechts vom Bezugspunkt zeigt sich eine positive (Gewinnzone), links davon eine negative Bewertung (Verlustzone). Mit zunehmender Entfernung vom Bezugspunkt nimmt die Bewertung eines identischen Geldbetrags ab. Zudem sieht man, dass die Wertfunktion im Verlustbereich steiler als im Gewinnbereich verläuft, d.h. Verluste werden meist stärker als Gewinne gleicher Höhe bewertet. Mit diesem Konzept lässt sich u.a. der Dispositionseffekt erklären.

Total irrational: Der Reflection-Effekt

Eine höchst irrationale Verhaltensform, die sich aus der abnehmenden Sensitivität gegenüber Wertveränderungen ergibt, ist der Reflection-Effekt. So ist hinsichtlich riskanter Alternativen zu beobachten, dass sich die Entscheider beim Übergang von Gewinnen zu Verlusten genau umgekehrt und damit in höchstem Maße irrational verhalten.

Das nachfolgende Beispiel soll dies verdeutlichen.

Es stehen folgende Alternativen zur Auswahl:

  • Fall A: Sicherer Gewinn von 1 000 Euro                                                                                                                                                                         
  • Fall B: Gewinn von 2 000 Euro mit 50 % Wahrscheinlichkeit

Welche Option würden Sie wählen? Die Mehrheit wählt A und verhält sich damit risikoavers.

Bei einer Wiederholung des Versuchs mit umgekehrten Vorzeichen – es stehen 1 000 Euro sicherer Verlust oder 2 000 Euro Verlust mit 50 % Wahrscheinlichkeit zur Auswahl – werden die Probanden überraschenderweise risikofreudig und wählen die letztgenannte Alternative! Der Grund: Der unsichere Verlust wird subjektiv weniger negativ bewertet als der sichere Verlust in Höhe von 1 000 Euro. Total irrational und gerade im Börsenhandel extrem gefährlich.

Im sechsten und letzten Teil unserer Mini-Serie werden Tipps zur Vermeidung der bisher vorgestellten Rationalitätsfallen vorgestellt.

Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on Facebook
Posted on: 23. April 2017, by : David Pieper

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.