Behavioral Finance – Warum wir immer wieder in die Falle tappen (Teil 3/6)

19.3.2017 / 15.00 Uhr

Wie uns Erfahrungen und Zufallszahlen beeinflussen

Zur Reduzierung der Komplexität eines Sachverhalts wird auch die Verfügbarkeitsheuristik eingesetzt. So hält ein Anleger, der bereits einen Aktienmarktcrash miterlebt hat, die Wahrscheinlichkeit eines Kurseinbruchs für viel höher als ein Anleger, der bisher keine derartigen Erfahrungen gesammelt hat. Um schnell zu einem Urteil zu kommen, erfolgt häufig der Rückgriff auf den „Ankereffekt“. So wird die Neigung der Menschen bezeichnet, ihre Einschätzungen mit – oftmals willkürlichen und daher falschen – Referenzwerten ihres Gedächtnisses zu verknüpfen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn bestimmte Informationen nicht sofort eingeordnet und bewertet werden können.

Ankereffekt – das Experiment

In einem Experiment wurden Probanden befragt, wie hoch sie den prozentualen Anteil der afrikanischen Staaten an den Vereinten Nationen schätzen. Dazu wurden sie in mehrere Gruppen eingeteilt. Vor dem Beantworten der Frage wurde jeder Gruppe eine Zufallszahl zwischen 0 und 100 präsentiert. Anschließend mussten die Versuchspersonen angeben, ob ihre Schätzung über oder unter der Zufallszahl lag. In einem weiteren Schritt wurden die Teilnehmer des Experiments nach der konkreten Zahl befragt.

Hierbei zeigte sich, dass die vom Glücksrad zufällig ermittelte Zahl eine deutliche Auswirkung auf das Resultat hatte:

  • In der Gruppe, bei der die Zufallszahl 10 lautete, betrug die Antwort 25 %.
  • Die andere Gruppe, bei der die Zufallszahl 65 ermittelt wurde, kam auf einen deutlich höheren Wert von 45 %.

Welche Folgen ergeben sich aus dem Ankereffekt?

Die Orientierung an einem willkürlichen – und damit falschen – Bezugspunkt verhindert eine neutrale Bewertung und führt daher oftmals zu Fehlentscheidungen. Bei Kursprognosen dienen meist „runde“ Kursniveaus, Höchst- oder Tiefstkurse oder das aktuelle Niveau als Anker. Jüngstes Beispiel war der Dow Jones: Überall war die Rede von der 20.000-Punkte-Marke. Gleiches Spiel beim Bitcoin im Bereich 1.000 usw. Der Ankereffekt ist auch beim täglichen Einkaufen zu beobachten: Hier dient die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers, die meist vom jeweiligen Händler unterboten wird, als Anker für den Kaufinteressenten.

Fazit: Empirische Untersuchungen zeigen, dass selbst Zufallszahlen die Einschätzung stark beeinflussen können – in der Regel nicht zugunsten der Entscheidungsqualität.

Im nächsten Artikel schauen wir uns an, warum wir immer wieder Zusammenhänge sehen, die es gar nicht gibt.

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Posted on: 19. März 2017, by : David Pieper

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