Behavioral Finance – Warum wir immer wieder in die Falle tappen (Teil 2/6)

26.02.2017 / 15.00 Uhr

Vereinfachen und schnell urteilen – Heuristiken

Menschen, die sich am Börsengeschehen beteiligen, stehen häufig vor der schwierigen Aufgabe, in kurzer Zeit aus der Menge der Informationen richtige Schlüsse zu ziehen. Behavioral Finance beschäftigt sich daher intensiv mit der Anwendung von Daumenregeln, den sogenannten Heuristiken. Es handelt sich dabei um einen Automatismus, der zur Reduzierung der Komplexität sowie zu einer schnellen – oftmals aber nicht optimalen – Urteilsfindung eingesetzt wird. Dies kann sowohl bewusst als auch unbewusst geschehen. Im vorliegenden Beitrag blicken wir auf das sogenannte „Mental Accouting“.

Mentale Buchführung

Mit mentaler Buchführung wird die Gewohnheit des Menschen bezeichnet, die mögliche Abhängigkeit zwischen den einzelnen in Frage kommenden Engagements und Projekten zu vernachlässigen. Menschen haben daher nicht die Gesamtheit aller Projekte und deren Auswirkungen im Kopf, sondern führen mehrere separate, sogenannte „mentale“ Konten. Nachfolgend ein kleiner Test zum Mitmachen:

  • Fall A: Sie haben eine Theaterkarte zum Preis von 100 Euro erworben. Vor dem Theaterhaus angekommen, stellen Sie fest, dass Sie diese verloren haben. An der Kasse gibt es aber noch Karten der gleichen Preisklasse.
    • Würden Sie eine neue Theaterkarte kaufen und ins Theater gehen?
  • Fall B: Sie haben sich eine Theaterkarte an der Abendkasse reservieren lassen. Vor dem Theaterhaus angekommen, stellen Sie fest, dass Sie 100 Euro aus Ihrem Geldbeutel verloren haben.
    • Würden Sie in diesem Fall die Karte kaufen, wenn Sie noch noch genügend Geld dabei haben?

Aus ökonomischer Sicht sind beide Fälle identisch.

Wären wir rationale Wesen, müsste die Antwort in beiden Fällen folglich identisch ausfallen. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Mehrheit der Befragten im Fall A von einem Theaterbesuch absieht, im Fall B dagegen die reservierte Eintrittskarte einlöst! Man erkennt an diesem Beispiel, dass durch das Führen zweier separater Konten („Theaterkonto“ und „Geldkonto“) das Entscheidungsverhalten in einer ökonomisch identischen Situation unterschiedlich sein kann.

Ein Beispiel aus dem Leben eines Anlegers: Wird das Engagement in Wertpapier A und Wertpapier B (Annahme: niedrige/negative Korrelation) isoliert voneinander bewertet, könnte sich der Anleger aufgrund des hohen Risikos der beiden einzelnen Wertpapiere dazu entschließen, von einem Investment abzusehen. Dabei übersieht er natürlich den Diversifikationseffekt und verschenkt mögliche Gewinnchancen.

Im nächsten Artikel schauen wir uns an, wie uns Erfahrungen und Zufallszahlen beeinflussen.

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Posted on: 26. Februar 2017, by : David Pieper

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