Behavioral Finance – Warum wir immer wieder in die Falle tappen (Teil 1/6)

19.02.2017 / 15.00 Uhr

Die herrschende Kapitalmarkttheorie basiert auf der Annahme, dass alle Individuen ein rationales Verhalten an den Tag legen. Dabei wird unterstellt, dass die Nutzenmaximierung im Mittelpunkt des Handelns aller Akteure steht und Entscheidungen stets auf der Basis einer vollständigen Verarbeitung aller wesentlichen Informationen getroffen werden. Übertragen auf den Börsenhandel hieße das: Wir handeln immer völlig rational und immer mit dem Ziel, mit unserem Kauf/Verkauf von Wertpapieren Geld zu verdienen.

Schön wär`s. Wir sind keine Roboter, sondern Menschen! Wir lassen uns von der Meinung eines sogenannten „Experten“ blenden, handeln hin und wieder aus Nervenkitzel oder halten an Aktien fest, nur weil wir Verluste – und damit unsere eigene Fehlentscheidung – nicht eingestehen wollen.

Der noch relativ junge Forschungszweig der Behavioral Finance, der Ökonomie mit Psychologie verknüpft, setzt genau an dieser Stelle an. Der Psychologe Amos Tversky hat mit dem späteren Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann die Grundlagen für die verhaltensorientierte Kapitalmarktforschung gelegt. Die Wissenschaftler machten Verhaltensmuster transparent, die bis dahin von den Verfechtern rationaler Entscheidungen ignoriert wurden. Diese Verhaltensmuster entstehen, weil das logische Denken – insbesondere in Situationen der Unsicherheit – häufig von Gefühlen überlagert und außer Kraft gesetzt wird. Nicht nur für Wissenschaftler, sondern gerade für Anleger und Trader lohnt daher ein genauer Blick hinter die Kulissen des menschlichen Handelns.

Der vorliegende Beitrag ist der erste Teil einer sechsteiligen Artikelreihe, die sich genau mit diesen Rationalitätsfallen beschäftigt und die dahinter liegenden Mechanismen aufdeckt, die viele Trader und Investoren immer wieder viel Geld kosten.

Warum sich der Trader selbst im Weg steht

Zu den wichtigsten Ursachen für das irrationale Verhalten gehören – neben der Gehirnarchitektur selbst – psychologische Beweggründe. Zum einen möchte der Mensch seine eigene Lage und die der unmittelbaren Umwelt so gut wie möglich unter Kontrolle halten. Weshalb hat der Mensch ein Kontrollbedürfnis? Die Theorie des Kontrollmotivs geht davon aus, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich als Verursacher von Veränderungen seiner Umwelt wahrzunehmen, genauer gesagt: Ein Bedürfnis, der Überzeugung zu sein, Kontrolle über seine Umwelt und sein Handeln zu besitzen. Hierdurch entsteht das Gefühl der Kompetenz und eigener Wertschätzung, was zu einer Steigerung des Selbstwerts führt. Ein Verlust der Kontrolle kann dagegen schwerwiegende negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben.

Praxisbeispiel: Viele Trader, aber auch Analysten wollen mit aller Gewalt die zukünftige Kursentwicklung voraussagen, statt einfach dem jeweiligen Markt zu folgen und sich bei Bedarf schnell anzupassen. Dabei sollte jedem klar sein, dass die krampfhafte Suche nach dem perfekten Einstieg und Ausstieg unmöglich ist – und übrigens auch gar nicht nötig, um beim Trading Geld zu verdienen.

Um dieses Kontrollbedürfnis befriedigen zu können, ist eine Auflösung sogenannter kognitiver Dissonanzen, die nach einer Entscheidung entstehen können, notwendig. Diese treten dann auf, wenn der Mensch bemerkt, dass eine getroffene Entscheidung ungünstig war. Ist dies der Fall, lässt sich die Dissonanz auf zwei Wegen verringern. Entweder wird die Entscheidung revidiert (rationale Variante) oder aber man „korrigiert“ seine Einstellung mittels selektiver Wahrnehmung so, dass die Entscheidung anscheinend nicht mehr im Widerspruch zur Realität steht.

Kognitive Dissonanzen

Nach fast allen Entscheidungen, bei denen die Wahl zwischen mehreren Alternativen bestand, geraten Menschen in einen Zwiespalt. Dieser entsteht, wenn die Alternative, für die sich die Person entschieden hat, negative Eigenschaften besitzt und die verworfene Möglichkeit auch positive Merkmale aufweist. Dieser Zustand löst ein unangenehmes Gefühl aus und wird in der Psychologie als kognitive Dissonanz bezeichnet. Die Dissonanztheorie besagt, dass jeder Mensch versucht, Unstimmigkeiten in Wahrnehmung und Denken möglichst schnell zu beseitigen, weil diese ein unangenehmes Gefühl auslösen. Je größer die kognitive Dissonanz, desto stärker der Drang, sie zu reduzieren. Besteht eine starke emotionale Bindung zwischen Entscheider und der Entscheidung selbst (hohes Commitment), kann sogar ein Rückgängigmachen der Entscheidung unmöglich werden.

Praxisbeispiel: Anleger neigen häufig dazu, schlechte Nachrichten (oder negative technische Signale) zu einer Aktie, die sie im Depot halten, herunterzuspielen/zu ignorieren, während positive Informationen übergewichtet werden. Ganz nach dem Motto: Ich suche mir die Informationen, die mir in den Kram passen. Alles andere blende ich aus. Es empfiehlt sich daher, sich hin und wieder in die Position des Gegenübers zu versetzen. Bei einer bestehenden Long-Position kann man sich in die Denkweise der Verkäufer zu versetzen. Gibt es gute Agrumente technischer oder fundamentalanalytischer Natur, warum die eigene bullishe Einschätzung falsch sein könnte?

Im nächsten Teil starten wir mit den sogenannten Heuristiken, also Daumenregeln und ihren Konsequenzen für Trader und Investoren.

Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on Facebook
Posted on: 19. Februar 2017, by : David Pieper

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.